BORGATE

MOSAIK MÉCANIQUE

A1B2C3

NOTES ON FILM 02

DOMINO

PIANO PHASE

I.E.

NOTES ON MAZY

NOTES ON FILM 01 ELSE

QUADRO

36

TRAXDATA

SANTORA

Notes on Film 03
MOSAIK MÉCANIQUE
(Cinematic Version)

Film, 35mm, Cinemascope
B/W, 9.30 min, 2007
Musik: Bernhard Lang
Realisierung: Norbert Pfaffenbichler

SYNOPSIS

Sämtliche Einstellungen des Slapstickfilms "A Film Johnnie" (USA 1914) sind gleichzeitig in einem regelmäßigen Raster hintereinander angeordnet zu sehen. Jede Szene wird vom ersten bis zum letzten Kader, also von Schnitt zu Schnitt geloopt. Aufgrund der unterschiedlichen Einstellungslängen ergibt sich visuell ein pulsierender Polyrhythmus. Die Gesamtlänge des Mosaik Films entspricht exakt der Länge des Originals.

ALPHABETISIERUNG

Der Stummfilm wurde “verschriftlicht”. Die einzelnen Bewegungsbilder sind - wie lateinische Schriftzeichen - chronologisch von links nach rechts und von oben nach unten angeordnet. Der Film kann in seiner Gesamtheit wie von einer Buchseite “gelesen” werden.

RELEKTÜRE

Der Originalfilm wurde einer gründlichen Relektüre unterzogen. Das Ausgangsmaterial wurde dabei eigentlich nicht manipuliert, es wurden weder Bildmanipulationen vorgenommen, noch die Reihenfolge und die Längen der Einstellungen verändert. Titel, Zwischentitel, Einzähler und Nachspann sind selbstverständlich Teil des Mosaiks. Es wird lediglich ein alternativer, ein “panoramatischer” Blick auf das Original geworfen. Der historische Groteskfilm wird in gewisser Weise analysiert und dadurch auch radikalisiert.

VERRÄUMLICHUNG

Es kommt im Rahmen dieses Experiments zu einer de facto “Verräumlichung” des zweidimensionalen Mediums. Das Mosaik erinnert formal auch an einen Querschnitt durch ein mehrgeschossiges, modernes Wohnhaus. Das Montageverfahren des Ausgangsfilmes wird zum Konstruktionsprinzip des Films. Die Montage wird zur Architektur, die Zeit wird zum Raum.

MULTIPLIKATION

Durch die simultane horizontale und vertikale Anordnung der Bewegungsbilder werden die Räume und die Figuren des Ausgangsfilms vervielfacht. Jede Einstellung wird zu einer eigenen Kammer im architektonischen Gesamtgefüge. Die zappelnden Figuren sind Gefangene in ihren Kästchen, verdammt zur ewigen mechanischen Wiederholung.

EGALITÄT

Jede Einstellung wurde gleich behandelt, unäbhängig von ihrer Länge und Bedeutung. Ein kurzer Zwischenschnitt nimmt den selben Raum ein wie eine lange Plansequenz. Dies führt zu einer deutlichen Verschiebung in der Wahrnehmung des filmischen Geschehens, die Aufmerksamkeit wird von der Dramaturgie auf die Syntax verlagert.

BLICKREGIME

Das zwingende Blickregime des Kinos wird gebrochen. Die Augen der BetrachterInnen können frei über die Leinwand gleiten. Der Fokus kann nach belieben auf einzelne Schleifen, aber auch auf das gesamte Raster gelegt werden. Auf den ersten Blick wirkt das Geschehen wie eine Ansammlung von Insekten in einem Versuchslabor. Erst nach und nach wird es möglich, einzelne Bildinhalte zu identifizieren. Die Handlung des Films ist auch nach längerem Hinsehen nur äußerst schwer zu entschlüsseln. Die simultane Präsentation aller Einstellungen überfordert erst einmal den menschlichen Wahrnehmungsapparat. Durch die Konzentration auf einzelne Bildsegmente wird der Film im Auge der BetrachterInnen subjektiv neu montiert. Das Ganze ist etwas Anderes als die Summe der Teile.

TITEL

Der Titel des Projektes ist nicht nur eine Beschreibung des Inhalts sondern auch ein Verweis auf zwei Klassiker des Avantgardefilms. Einerseits bezieht er sich auf das erste Werk von Peter Kubelka Mosaik im Vertrauen (A, 1955), andererseits auf den einzigen Film des kubistischen Malers Fernand Léger Ballet Mécanique (F, 1924). Léger montierte in seinem Werk erstmals eine Szene mehrmals hintereinander und “erfand” so den Filmloop. Die Verwendung eines Film mit Charlie Chaplin ist ebenfalls ein Verweis auf eine Sequenz von Ballet Mécanique. Léger entwarf und animierte für dieses Werk eine kubistische Chaplinfigur. Aufgrund dieser Referenzen erklärt sich auch die gleichzeitige Anwendung der deutschen und der französischen Schreibweise im Titel.

FOUND FOOTAGE

Häufig werden in found-footage-Arbeiten grobe Eingriffe am Material und inhaltliche Umdeutungen vorgenommen. Oft werden Ausschnitte aus vielen Filmen zu einem neuen Werk collagiert. Hierdurch unterscheidet sich dieses Projekt grundlegend von den meisten anderen Werken, die mit vorgefundenem filmischen Material arbeiten. Dieses Vorhaben stellt eine analytische Hommáge an das frühe Kino dar.

SERIALITÄT

Serialität ist einer der essentiellen Begriffe in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Vor allem in der Pop- und der Konzeptkunst wurde die Strategie der seriellen Produktion und Präsentation häufig angewandt. Im Rahmen des vorliegenden Projektes ist die Serialität aber keineswegs reiner Selbstzweck. Film ist technisch betrachtet eine elastische Rolle Celluloid, auf der viele Einzelbilder hintereinander angeordnet sind. Die Serialität ist also eine Grundlage des Mediums zur Erzeugung der Bewegungsillusion. Durch die polyfokale Präsentation wird das serielle Prinzip wieder sichtbar gemacht, wobei als kleinste Einheit nicht das statische, fotografische Einzelbild, sondern die bewegte, filmische Einstellung definiert wird.

MUSIK

Den Soundtrack zu diesem Filmprojekt hat der Komponist Bernhard Lang beigesteuert. Das bewegte Mosaik ist selbst Partitur und gleichzeitig Instrument des Soundtracks. Die visuelle Vielstimmigkeit wurde in eine akustische übersetzt. Die Komposition wurde völlig analog zur Bildebene hergestellt, wobei die Aufnahme eines mechanischen Klaviers als Rohmaterial diente. Jede Schleife bekommt eine spezifische Tonfolge zugeordnet, die exakt so lange dauert wie der Filmloop. Da sämtliche Schleifen unterschiedlich lang sind, ergeben sich beständig neue Klangkombinationen.

GROTESKFILM

Der Rückgriff auf einen historischen Slapstickfilm hat sowohl pragmatische als auch theoretische Gründe. Der verwendete Film hat eine perfekte Anzahl von Einstellungen und eine bewältigbare Länge von 09 min 15 sec. Bei Verwendung eines längeren Films mit wesentlich mehr Einstellungen würden die einzelnen Bildsegmente zu klein werden, um sie noch ausreichend gut auf der Leinwand erkennen zu können. Durch den Loopmodus und die Addition aller Einstellungen im Mosaik wird die groteske Komik noch einmal gesteigert und komplett ad absurdum geführt.

Die filmische Groteske bietet sich für ein derartiges Experiment mit historischem Material geradezu an. Die Burleske war wohl das populärste und am meisten verbreitete Genre in den frühen Tagen des Kinos. Die DarstellerInnen in diesen Filmen ähneln eher Cartoonfiguren als realen Menschen. Skurrile Typen bevölkern irreale Szenerien in der physische Gewalt ohne schwerwiegende Folgen bleibt. Den akrobatischen Bewegungen der Schattenfiguren auf der Leinwand haftet etwas eigenartig Mechanisches an. Das hochkontrastige, schwarzweisse Filmmaterial und die niedrige Bildrate (16 oder 18 Bilder pro Sekunde) sind die technischen Voraussetzungen für diesen Verfremdungseffekt, das überzeichnende Make Up, die absurden Kostüme und die fantastischen Sets vollenden das Bild einer grotesken Gegenwelt.

Aus heutiger Perspektive wirken die weiß geschminkten Darsteller durchaus unheimlich, der derbe Humor ist oft nur schwer oder nicht nachzuvollziehen. Bei den frühen Slapstickfilmen dauern meisten Einstellungen für heutige Sehgewohnheiten meist relativ lang. Gedreht wurde vor allem in Totalen und Halbtotalen, die nur selten von Großaufnahmen oder Details unterbrochen werden. Die Montage folgte in jenen Tage noch sehr simplen Regeln. Geschnitten wurde hauptsächlich dann, wenn eine Figur den Bildraum verläßt bzw. betritt. So bedeutet ein Bildschnitt in den meisten Fällen auch einen Ortswechsel in der Filmhandlung.

FILM IM FILM

"A Film Johnnie" ist eine schlicht gestrickte, selbstreferentielle und selbstironische Komödie, deren Handlung sich in unterschiedlichen "filmischen Räumen" abspielt. Der Groteskfilm beginnt mit dem bezeichnenden Textinsert "What he saw on the screen". Die Eröffnungssequenz spielt sich in einem Kinosaal ab. Chaplin verliebt sich heftig in das "Keystone-Girl" auf der Leinwand und läuft, nach dem er unsanft aus den Kino hinausbefördert wurde, in das (tatsächliche) Keystone-Filmstudio. Der Produzent Mack Sennett und der Schauspieler Roscoe "Fatty" Arbuckle absolvieren Kurzauftritte als sie selbst. Der Tramp verursacht Chaos im Studio und behindert die Dreharbeiten, die gerade in Gange sind. Er wird wiederum hinaus geworfen. Das Finale des "Films im Film" wird im Freien vor einem brennenden Einfamilienhaus gedreht. Chaplin, der die Situation falsch einschätzt, versucht die Angebetete zu retten und wird zu guter letzt von der verärgerten Schauspielerin verprügelt.

GESAMTBILD

 

 
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